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Dieser Artikel erschien am 29./30. September 2001 in "ALPHA".
Allgemein gelten individuelle menschliche Personen als die alleinigen Ansprechpartner der Ethik. Moralische Verantwortung wird autonomen Personen zugeschrieben und sie sind es, die für ihr Handeln moralisch zur Rechenschaft gezogen werden. An dieser individualistischen Tendenz der abendländischen ethischen Tradition orientiert sich auch die Wirtschaftsethik. Sie schreibt ausschliesslich den Mitgliedern der wirtschaftlichen Kollektive Verantwortung zu. Eine individualistische Wirtschaftsethik in diesem Sinn ist in erster Linie eine Ethik für Manager und andere Entscheidungsträger. Sie sind es, die moralisch für das Handeln ihrer Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden. Der ethisch verantwortungsbewusste Manager orientiert sich dabei soweit an moralischen Richtlinien, wie es seiner Entscheidungskompetenz innerhalb der Organisationsstruktur entspricht.
Diese individualistische Sichtweise von Wirtschaftsethik gerät nun aber in Konflikt damit, wie in formalen Organisationen Entscheidungen getroffen werden. Die Entscheidungskompetenzen von Unternehmen sind längst nicht mehr ausschliesslich an die individuelle Handlungskompetenz der Mitglieder gebunden. Es ist gerade Sinn und Zweck der organisationalen Arbeitsteilung, dass die Handlungskompetenz der Organisation zu mehr als bloss der Summe der Handlungen der individuellen Mitglieder synthetisiert wird. Es spricht deshalb einiges dafür, Unternehmen aufgrund ihrer Entscheidungsstrukturen eigenständige, kollektive und über die Summe der Handlungskompetenzen ihrer individuellen Mitglieder hinausgehende Handlungsfähigkeit zuzugestehen.
Wenn wirtschaftliche Organisationen aufgrund ihrer Entscheidungsstrukturen kollektive Handlungen hervorbringen und gewissermassen selbst als autonome gesellschaftliche Akteure zu sehen sind, dann spricht dies nun auch für einen Paradigmenwechsel in der Wirtschaftsethik. Wenn man das kollektive Handeln von Unternehmen nicht mehr bloss als die Summe der Handlungen ihrer Mitglieder versteht, dann spricht das gegen eine rein individualistische Managementethik und für eine organisationale Ethik, die direkt den wirtschaftlichen Kollektiven als selbstständigen Akteuren Verantwortung zuschreibt.
Gemäss einer organisationalen Ethik unterliegen nebst den individuellen Entscheidungsträgern auch die Unternehmen selbst moralischer Beurteilung. Dieser Paradigmenwechsel wurde vom internationalen Wirtschaftsrecht mit der Anerkennung von sogenannten „organizational offenders“ bereits vorweggenommen. Und auch allgemein scheint es plausibel, die Unternehmen selbst für ihre Handlungen moralisch in die Verantwortung zu nehmen. Nur die ethische Theorie hat Mühe damit, sich von ihrem hergebrachten Individualismus zu lösen und den Schritt hin zur Anerkennung organisationaler Verantwortung zu machen. Wenn sie sich davon lösen könnte - so die These - würde sie damit gezielter zu einem neuen Selbstverständnis von verantwortungsbewussten Unternehmen beitragen, die Moral in Form von „Ethikmassnahmen“ bewusst in ihre Organisationsstrukturen einbauen, anstatt sie bloss dem persönlichen Ermessen ihrer Mitglieder zu überlassen.
Gerald Deix